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Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an
Dr. Alexandra Palzer am 30.1.2018


Dr. Alexandra Palzer wurde am 30. Januar 2018 für Ihren Einsatz für die Inklusion Behinderter aus den Händen von Staatssekretärin Bärbl Mielich das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Bundesverdienstkreuz für Dr. Alexandra Palzer

Bundesverdienstkreuz für Dr. Alexandra Palzer

Bundesverdienstkreuz für Dr. Alexandra Palzer

Dr. Alexandra wandte sich mit der folgenden Rehe an die Zuhörer:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Wegbegleiter

Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen, denen ich diese Ehre zu verdanken habe, bei Herrn Bundespräsidenten Steinmeier, der mir das BVK auf Vorschlag von Herrn Kretschmann und mit der Fürsprache unserer Landes- und Bundespolitiker Herrn Stoch und Herrn Kiesewetter zugesprochen hat. Ich danke allen herzlich, die mich dieser Ehre für würdig erachten.

Ich selbst dachte immer, dass ich einfach nur eine Mutter bin, die zwar akzeptiert hatte, ein Kind mit mehreren Handicaps zu haben, nicht aber, dass es in Gerstetten nicht in den Kindergarten und zur Schule gehen sollte wie alle anderen Kinder auch. Aus dem Ärger, dass das gesellschaftlich nicht vorgesehen war und aus einer gewissen Bockigkeit heraus ist wohl mein Engagement entstanden.

Welche Schwierigkeiten uns bevorstanden, wurde mir erst klar, als ich vor fast 30 Jahren den gerade von meiner Kollegin Dr. Hartmann gegründeten Verein ARGE Integration kennenlernte.

Dir, Margret gehört mein besonderer Dank, denn deine unerschütterliche Überzeugung, dass der Wunsch für unsere Kinder nach Teilhabe im sozialen Umfeld VOR ORT, in unserem Fall in Gerstetten, nicht in HDH oder sonst wo, richtig und wichtig ist, dass nicht wir die Falschfahrer auf der Autobahn sind, als die wir uns fühlten, deine ständige Ermutigung und dein persönlicher Einsatz für unsere Rechte, lange bevor die UN-BRK kam, gab uns den Rückhalt, den Eltern in schwierigen Zeiten brauchen. Dafür bin ich, sind dir viele Eltern bis heute sehr dankbar.

Der Verein, der heute »Arbeitsgemeinschaft Inklusion Gemeinsam leben gemeinsam lernen« heißt, bietet bis heute Eltern mit Inklusionswunsch Informationen und Möglichkeiten zum Austausch an. Ich habe es immer als sehr bereichernd und ermutigend, aber auch entlastend empfunden, nicht allein zu sein. Auch vom Austausch und der Vernetzung auf Landesebene mit anderen Initiativen in BW und bundesweit über unseren Landesverband BW konnte ich, können Eltern bis heute profitieren.

Ich danke den ehemaligen und heutigen Vorstandsmitgliedern, mit denen ich zusammenarbeiten durfte und darf, sowohl in Heidenheim als auch im Landesverband, die sich in all den Jahren ehrenamtlich eingesetzt haben für unsere Ziele. Ich war und bin sehr dankbar für dieses Engagement, ganz besonders, weil es nicht immer Eltern von Kindern mit Handicap sind oder waren.

Die Aktivitäten unserer Vereine sind mit der Zeit gewachsen und professioneller in der Arbeit geworden. In HDH haben wir neben unserem Angebot als Dienstleister für Eingliederungshilfe in inklusiven Settings mit der von AM geförderten Aufklärungs- und Beratungsstelle zur Förderung von Inklusion im Landkreis Heidenheim neue Herausforderungen angenommen. Es ist wichtig, dass die Betroffenen selbst, die Menschen mit Behinderung und Eltern von Kindern mit Handicap ihre Rechte kennen, wahrnehmen und einfordern können.

Ich freue mich daher sehr, hier und heute mitteilen zu können, dass wir letzte Woche den Zuschlag für eine von bundesweit 400 von der Bundesregierung geförderten Projektstellen für die so genannte »Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung« erhalten haben.

Ich bin dankbar, dass wir mit den Mitarbeiterinnen in unserer Geschäftsstelle Frauen gefunden haben, die neben dem Tagesgeschäft Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützen und auch den Gedanken der Inklusion weiterverbreiten. Danken möchte ich auch unseren Mitarbeiterinnen im Team, die in den Kindergärten und Schulen sehr gute Arbeit direkt am Kind im Sinne der Inklusion leisten.

Unsere Tochter hat ihre gesamte Kinder- und Jugendzeit in Gerstetten verbracht. Zwar vor dem Hintergrund eines bis heute nicht gelösten Rechtsstreits, aber es hat geklappt und wir bereuen nichts und würden es jederzeit wieder so machen.

Dass ich das sagen kann, ist aber weniger mein Verdienst, sondern wir haben das ganz vielen Menschen zu verdanken, die bereit waren, dieses Kind so wie es ist einfach anzunehmen und willkommen zu heißen, wie alle anderen auch.

Zunächst war das unser Freundeskreis, die Kinder der jeweiligen Umgebung und ihre Eltern, Erzieherinnen, auch mal MitarbeiterInnen von Behörden und Ämtern, und vor allem Lehrerinnen und Lehrer, Rektoren, die uns aktiv unterstützt haben. Für die war das damals gar nicht selbstverständlich. Es gab Situationen, wo sich der eine oder andere von Ihnen bewusst auf unsere Seite gestellt hat und dadurch unter gehörigen Druck und in Schwierigkeiten geriet. Ihnen/Euch nochmals besonderen Dank für diesen Mut und die Loyalität UNS gegenüber.

Wir hatten das Glück, dass unsere Tochter fast immer ganz selbstverständlich aufgenommen wurde im normalen Alltag in Kindergarten und Schule, aber auch in der Musikschule, in Sportvereinen, in der Jungschar, bei den Pfadfindern, im Konfirmationsunterricht, im Fitnessstudio, später noch in HDH in der Hanns-Voith-Schule, und danach sogar bei einigen Arbeitgebern und Arbeitskolleginnen. Am unkompliziertesten natürlich von den Kindern, aber auch bei Begegnungen aller Art in der Öffentlichkeit von vielen Bürgerinnen und Bürgern jeden Alters. Das war und ist bis heute keine Selbstverständlichkeit.

Wir durften und dürfen bis heute Inklusion im besten Sinne erleben und dafür sind wir sehr dankbar.

Ganz einfach war es natürlich nicht, das zu erreichen. Es gab auch Widerstand und Rückschläge, aber auch daraus habe ich gelernt. Nämlich mit dem Widerstand umzugehen, mit den eigenen Emotionen umzugehen.

Hier habe ich meiner Familie sehr zu danken, für die es wirklich nicht immer einfach war, meine Aktivitäten mit zu tragen. Ich danke Euch Kindern für Euer Verständnis als Erwachsene, denn als ihr klein wart, habt ihr vieles sicher nicht so richtig verstehen können. Meinem Mann danke ich, weil er immer auf meiner Seite stand und mich unterstützt hat, wenn es notwendig war, auch aktiv, sich aber ganz bewusst nicht so reingehängt hat wie ich. Er war für die Bodenhaftung, die Erdung der Familie zuständig und das war gut so. Caroline hat wohl den größten Verdienst, weil ich heute sicher nicht hier stehen würde, wenn sie nicht gewesen wäre, aber auch, weil ich wegen und von ihr so viel gelernt habe.

Ganz besonderer Dank gilt einer Person, ohne die ich ebenfalls keinesfalls hier stehen würde. Frau Dieterich war in all den Jahren diejenige, die mir den Rücken freigehalten hat, sowohl für die Arbeit in der Praxis als auch für meine sonstigen Aktivitäten. Sie war immer da, wenn ich wieder mal – auch kurzfristig – Termine hatte oder ganze Tage weg war, hat die Kinder betreut und den Haushalt geschmissen.

Es ist also auch ihr Verdienst und der vieler weiterer Menschen, dass ich heute diese Ehrung entgegennehmen darf für ein Engagement, das mir einfach ein Anliegen war und ist, natürlich auch wegen der persönlichen Betroffenheit, aber auch wegen des immer wieder kritisierten benachteiligenden Systems in Deutschland, besonders in der Bildung. Mit dessen Auswirkungen war und bin ich auch als Kinderärztin immer wieder konfrontiert, und längst nicht nur bei Familien mit behinderten Kindern. Es gibt noch viele andere am unteren Ende der Leistungsskala, denen die Sonderschule als optimaler Förderort anempfohlen wird, die damit auch »von Behinderung bedroht« sind. Ich weiß und erlebe selbst, dass viele Kinder und auch Eltern heute anders, oft schwieriger sind als früher. Aber sie leben auch in einer anderen sozialen Grundstimmung als früher, erleben oft Diskriminierung und soziale Kälte, und die Bereitschaft, sie vor Ort zu begleiten, ist manchmal nicht sehr groß.

Privatschulen und Begabtenförderung haben Hochkonjunktur. Alle unsere Kinder, und später auch als Erwachsene, machen heutzutage die Erfahrung, dass zwar der soziale Zusammenhalt verbal hochgehalten wird, andrerseits alles, was nicht den Leistungsanforderungen genügt, was die »Leistungsträger« vermeintlich behindern könnte, aus dem Weg geräumt werden kann. Es geht beim Thema Inklusion also um weit mehr als den Umgang mit behinderten Kindern.

Wenn verbale Entgleisung, Respektlosigkeit und Entwürdigung nicht nur im Netz und rechte Tendenzen in unserer Gesellschaft salonfähig zu werden scheinen, ist es wichtig, dagegen zu halten. »Wehret den Anfängen!« – wie neulich, als in Österreich die Forderung nach Sammeleinrichtungen für Flüchtlinge vorgebracht wurde.

Die Ablehnung von Flüchtlingen ist bekanntermaßen dort am größten, wo sie am wenigsten vorkommen. Unbekanntes und Fremdes macht Angst, schürt abstruse Vorstellungen von den Menschen, um die es geht und führt zu Tendenzen, die unser Sozialgefüge gefährden könnten, wenn wir es zulassen. Den überall zu spürenden Hang zu Homogenität von Gruppen statt Akzeptanz und Anerkennung von Vielfalt finde ich besorgniserregend.

Vor diesem Hintergrund frage ich mich schon, wie wir es schaffen wollen, Migranten, Flüchtlinge, mit all dem Neuen, Fremden, das sie mitbringen, zu integrieren, wenn wir es nicht mal schaffen, unsere eigenen Schwächsten in unsere Mitte zu holen, sie willkommen zu heißen und selbstverständlich mitzutragen.

Ich frage mich, warum unsere Kinder, wenn sie es nicht von Kindesbeinen an lernen, später als Erwachsene Rücksicht auf Schwache, Fremde, Andersartige oder alte Menschen nehmen sollten.

Erfreulich ist ja, dass sich mittlerweile viele Kommunen auf den Weg machen zur Barrierefreiheit oder sich das Thema Inklusion direkt auf die Agenda setzen. Nicht nur bei der Hardware, bei Straßen und Gebäuden, die barrierefrei sein sollten. Vielerorts gibt es z.B. Überlegungen, wo und wie wir im Alter leben wollen, wenn mehr oder weniger zwangsläufig die Behinderung droht. Stichwort neue Wohnformen, Stichwort »Daheim statt im Heim«. Sehr gut!

Aber gleichzeitig werden ausgerechnet die jüngsten Menschen mit Behinderung immer noch mit größter Selbstverständlichkeit jeden Tag viele Kilometer aus dem Dorf weggefahren in ihre Einrichtungen – weil wir es so gewohnt sind und weil wir es für »optimal« halten. Gerade für die Jüngsten ist es aber so wichtig, in ihrem angestammten sozialen Umfeld, in der Gemeinde mittendrin zu leben und aufzuwachsen. Die Frage, wie wir als Erwachsene zusammenleben wollen, müssen wir im Umgang mit unseren Kindern beantworten.

Nun ist »Inklusion« ein sehr schwammiger Begriff, der sich politisch einer einheitlichen Interpretation oder gar Verregelung entzieht und auch gerne mal missbraucht wird.

Zwar kam mit der UN-BRK Bewegung in die Sache, und mittlerweile gibt es das neue Schulgesetz in BW, in dem die Sonderschulpflicht abgeschafft wurde und das BTHG, beides sind Ansätze in die richtige Richtung, auch wenn es an der Umsetzung derzeit noch hapert, was teilweise dem Umbruch von Einzelfalllösungen zur Institutionalisierung geschuldet sein mag.

Was mir fehlt, ist noch immer der politische Wille, die Diskriminierung im Bildungssystem wirklich abzuschaffen, aber auch der gesellschaftliche Konsens genau darüber. Ich wünsche mir das unmissverständliche Bekenntnis und eine klare auch zeitlich definierte Konzeption zur Umsetzung der UN-BRK – ähnlich der Energiewende. Warum gibt es das nicht? Es gibt die wissenschaftlichen Erkenntnisse und genug Beispiele, sie in die Praxis umzusetzen. Leere Kassen können der Grund derzeit auch nicht sein.

Könnte es sein, dass die sozialen Unterschiede gar nicht wirklich abgeschafft werden sollen? Dass die soziale Ab- und Ausgrenzung von Randgruppen, auch im Bildungssystem, politisch und gesellschaftlich breitere Zustimmung findet als man vermuten möchte?

Könnte es sein, dass deshalb die Ressourcen nicht gleichgestellt verteilt werden und Eltern von Kindern mit Behinderung auch heute immer noch kämpfen müssen für das, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte und was mit der UN-BRK sogar ihre Rechte sind. Verständlicherweise gehen daher viele Eltern mit ihren Kindern trotz Inklusionswunsch noch immer den Weg in die Sondereinrichtungen.

Unser Erfolg damals hing ab von unserer Wehrhaftigkeit und unserer privilegierten sozialen und finanziellen Stellung. Dass das nach 30 Jahren noch immer so sein würde, hätte ich nicht erwartet.

Ich weiß ja, dass politische und gesellschaftliche Prozesse sehr lange dauern, vor allem wenn sie nicht einhellig gewollt sind. Sehen Sie mir aber bitte nach, dass ich nach 30 Jahren doch etwas ungeduldig werde, wenn Eltern noch immer vor den gleichen Hürden stehen wie wir damals.

Geehrt werden müssen eigentlich diejenigen, die sich trotz widriger Umstände an der Basis auf den Weg machen und zeigen, dass Inklusion auch bei uns geht, in Kindergärten in Schulen, auch in den Bildungseinrichtungen im Übergang zur Arbeitswelt, und sogar allmählich bei Arbeitgebern und am Arbeitsplatz. Die sich bemühen, vernetzen, mit Ämtern und Behörden kooperieren, um zumindest alle vorhandenen Möglichkeiten auszuschöpfen und sich bewusst an die Seite der Eltern mit Inklusionswunsch stellen.

Da ist die Veröffentlichung einer neuen OECD-Studie gestern Wasser auf unsere Mühlen, nach der sich erfreulicherweise die Chancengleichheit von sozial Schwachen in Deutschland verbessert hat. Laut OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher stehen im Zentrum des Erfolgs stabile Lehrerkollegien, bessere soziale Mischung, der das voneinander lernen von unterschiedlichen Schülern ermöglicht, ein motivierender Leitungsstil und ein positives Klima des Zusammenhalts an der Schule. Klassengröße oder technische Ausstattung seien für sich genommen keine Ursachen für bessere Lernbedingungen.

Wenn wir es schaffen, dass jeder, nicht nur die in den Einrichtungen arbeiten oder im Freundeskreis aktiv sind und das ohnehin gerne tun, sondern jeder, der im persönlichen Umfeld mit Menschen zu tun bekommt, die »anders« sind, bereit ist, ihnen offen, mit Respekt zu begegnen, sie in ihrem Anderssein auszuhalten und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten ein klein wenig zu kümmern, ist das der beste Weg zu mehr Toleranz und Respekt in unserer Gesellschaft.

Empathie und das, was man mit einer »inklusiven Grundhaltung« bezeichnen könnte, kann man nicht erlernen oder sich dafür ausbilden lassen. Aber wenn wir nicht unglaubwürdig werden wollen mit der Behauptung, unsere »gesellschaftlichen Werte« verteidigen zu wollen, müssen wir diese Haltung zeigen.

Morgen hält im Deutschen Bundestag die 92jährige Holocaustüberlebende Anita Lasker-Wallfisch eine Rede. Ich habe letzte Woche in einem Interview gehört, was sie in Schulen sagt, wenn sie von ihren Erlebnissen im Holocaust erzählt: »Celebrate your differences... es wäre langweilig, wenn wir alle gleich wären«.

Um dies zu untermauern, möchte ich jedem von Ihnen zum Abschluss ein kleines besonderes Büchlein überreichen.

Es sind Mutmachgeschichten – herausgegeben von einer unserer örtlichen Initiativen im Rhein-Neckar-Kreis. Lauter kleine Geschichten, die Mut machen zur Inklusion, angefangen vom Vorwort der Behindertenbeauftragten der Stadt Mannheim, über Berichte von Eltern, Geschwistern, ein Großvater ist dabei, aber auch Lehrer, Schulbegleiter und viele andere.

Und ich verspreche Ihnen, dass Sie nach dem Lesen der kleinen Geschichten besser verstehen werden, als ich und 100 weitere Redner es vermitteln könnten, was und warum wir es wollen und warum es für ALLE gut ist.


Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Vielen Dank für die große Ehre!

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